European Tram

MiniArt 38001 - 1/35

Vorbemerkungen und Vorbild: Straßenbahnen als Modellbausatz, wie exotisch ist das denn . dem entsprechend klein ist die Auswahl der zur Verfügung stehenden Modelle in den Maßstäben 1/72, 1/48 oder 1/35. Mir waren bisher das Kartonmodell eines Breslauer Linke-Hofmann Triebwagens in 1/35 aus Polen und das Modell des sowjetischen Typ X von MilitaryWheels bekannt. In den Modelleisenbahnmaßstäben tummelt sich hier eine doch deutlich größere Anzahl an Modellen.



Diese Auswahl erweitert MiniArt aus der Ukraine um das Modell einer 'Europäischen Straßenbahn' im Maßstab 1/35. Die ersten, vor gut einem halben Jahr veröffentlichen Bilder auf der Web-Seite des Herstellers machten mich schon neugierig was wohl das Vorbild des Modelles sei. Lange Zeit stocherte ich hier im Nebel, dachte an deutsche (Breslau, Danzig, Hamburg), österreichische (Wien) oder tschechische Vorbilder, was passendes fand ich aber nicht. Paßte die Front, war das Dach falsch und umgekehrt; paßte beides gerade so, sah das Fahrgestell völlig anders aus. Auf die Spur brachte mich dann das Bild eines MAN-Triebwagens der Kirnitzschtalbahn, die Front paßte ziemlich genau, Seite und Dach wiesen eine gewisse Ähnlichkeit auf; nicht viel aber genug um zu schauen wo von der MAN gebaute Straßenbahnen im Einsatz waren. Der Namen des Herstellers gab die erste Suchrichtung vor - Augsburg schloß ich ziemlich schnell aus - fündig wurde ich dann in Nürnberg.



Das Vorbild des Modells sind die Nürnberger Triebwagen der Reihe 601-674. MiniArt hat das Modell auch in dieser Form schon angekündigt. Diese Triebwagen wurden bis 1960 im Personenverkehr, einzelne danach bis 1966 als Arbeitswagen eingesetzt. Triebwagen 641 ist im Straßenbahnmuseum St. Peter erhalten.



Technische Daten:



Die Serie 1912 wurde mit Stangenstromabnehmern, die Triebwagen der nachfolgenden Serien wurden mit Lyrabügeln geliefert. Ab 1927 wurden in Nürnberg Scherenstromabnehmer montiert, wann die Wagen der Reihe 601-674 umgerüstet wurden ist mir nicht bekannt. Die Wagen der dritten Serie ( Tw 653-674) hatten an der jeweils hinteren rechten Seite der Plattformen Doppeltüren zur Beschleunigung des Fahrgastwechsels. Sie wurden ab 1937 modernisiert, wobei die Dachlaternen und die Fünfecktrommeln der Fahrtzielanzeiger entfielen und handbetätigte Scheibenwischer zum Einbau kamen. Tw 615 der zweiten Serie wurde 1938 entsprechend umgebaut und erhielt ebenfalls hinten rechts einen Doppelseinstieg. Der Umbau der anderen Triebwagen unterblieb durch den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Trotz des Krieges erhielten einzelne Triebwagen ab 1940 elektrische Rückleuchten und den neuen für Straßenbahnen vorgeschriebenen Anstrich in Elfenbein.



Zwei Triebwagen blieben erhalten, einer steht im Nürnberger Straßenbahnmuseum im ehemaligen Depot St. Peter (Tw 641, nicht betriebsfähig ausgestellt), einer wurde an das Deutsche Straßenbahn-Museum (Tw 633, Zustand nicht bekannt) nach Hannover abgegeben. Dieser Reihe sehr ähnlich waren die Tw 701 und 702, von denen Tw 701 ebenfalls in St. Peter erhalten ist.





Bausatz: In dem randvollen Karton finden sich über 600 Teile, zu denen zwei Oberleitungsmasten und eine Grundplatte mit Katzenkopf-Pflaster und Rillenschiene in Kartongröße gehören. Diese verteilen sich auf 25 Rahmen in hellgrauen und klaren Plastik. Dazu gehört ein kleiner Schiebebildbogen mit Ziffern von 0-9 in verschiedenen Größen und die zwölfseitige Bauanleitung im Format DIN A4. Die Durchsicht der Bauanleitung läßt einen schon Mal ins Grübeln kommen. Auf den Innenseiten der Türen und der Plattformverglasung befinden sich Haltestangen. Die Klarsichtteile lassen sich durch Form der Teile wahrscheinlich nicht von außen einsetzen, hoffentlich lassen sie sich nach der Montage der Haltegriffe einsetzen. Die Konstruktion der Plattformtrennwände könnte eine bewegliche Montage der Plattformtüren zulassen, auch ein offener Einbau der Einstiegstüren scheint möglich zu sein; gut für Dioramen. Zivilisten hat MiniArt jedenfalls im Programm, verwendbare zivile PKW gibt es in der Zwischenzeit ebenfalls. Wie sahen eigentlich Nürnberger Haltestellenschilder oder Verkehrsschilder in der Zeit von 1912 bis 1945 aus ? Die Stirnwände der Plattformen sollen ebenfalls bereits verglast montiert werden, ob man hier auf Maskierfolien aus tschechischer Produktion hoffen darf? Die Detaillierung der Plattformen und des Fahrgastraumes sieht gut aus mit Jugendstilleuchten und den nötigen Halteschlaufen für stehende Fahrgäste.

Das Untergestell läßt dagegen einen entspannten Bau erwarten hier fallen bei der ersten Durchsicht lediglich die Doppelspeichenräder auf deren Achsbohrung nicht ganz durchgängig ist. Ansonsten ist alles vorhanden, die fehlenden Kabelverbindungen der Motoren sind das einzig auffällige. Aufpassen muß man beim Dachaufbau, die Feder des Lyra-Bügels muß man sicher entsprechend der Stellung des Bügels in der Länge anpassen. Nach vorliegenden Photos lagen die Bügel in der Regel mit einem Winkel von 30° bis 45° zum Wagendach an der Oberleitung an. Die beiliegenden Oberleitungsmasten wären in der Höhe dann entsprechend zu kürzen. Der einzige spaßvergällende Kritikpunkt an diesem Bausatz sind die Zahl der Angüsse an manchen Teilen, die Schienenräumer haben gezählte 24 Punkte mit denen sie am Gußast verbunden sind, die Blattfedern neun. Anderseits sind viele Teile so fein abgespritzt das man die nur mit einer Mikrosäge vom Gießast trennen kann, alles andere dürfte zum Bruch führen. An den Unterseiten der Plattformen sind noch jede Menge Auswerferstifte abzuschneiden, das war's auch schon was es an diesem Bausatz auszusetzen gibt.



Für die Farbgebung schlägt MiniArt einen weiß/roten Anstrich mit dunkelgrauem Schleppdach und schwarzem Fahrgestell vor, welcher dem Triebwagen nicht allzu schlecht steht. Der Anstrich der Nürnberger Straßenbahnen war bei nahezu gleicher Farbaufteilung dunkelgrün/beige mit schwarzen Zierlinien bzw. grün/beige mit hellgrünen Zierlinien. Die Fahrgestelle könnten entweder dunkelgrün oder schwarz sein während das Dach der Museumwagen eher mittelgrau als dunkelgrau ist.

Fazit: Auf den Bau des Modells freue ich mich jetzt schon und träume dabei von weiteren Straßenbahnmodellen.

Erhältlich ist dieser Bausatz für Händler bei Glow2B (zu erreichen über mail@glow2b.de). Für Privatkunden ist er im örtlichen Modellbaufachgeschäft erhältlich.

Literatur:

'Straßen- und Stadtbahnen in Deutschland Band 10 Bayern' EK-Verlag 2006;
'Deutsche Straßen- und Stadtbahnen Band 1: Bayern' Verlag Wolfgang Zeunert 1976;
'Die Nürnberg-Fürther Straßenbahn im Wandel der Zeiten' - "Ein Streifzug durch das historische Straßenbahn-Depot St. Peter" - Freunde der Nürnberg-Fürther Straßenbahn e.V. 1987.

Roland Schmidt, Kornwestheim (Februar 2014)